Donnerstag, 12. November 2015

Kein Sankt-Martinsfest für Bettler in Vorarlberg



Gestern Abend war ich bei der Sankt-Martinsfeier in der Kleinkindgruppe meiner Tochter. Ein lustiger Haufen aufgeweckter Zwerge läuft mit Laternen herum, um schlussendlich einem Schauspiel etwas älterer Kinder zuzusehen. Sie inszenieren das Leben des Heiligen Martin, der der christlichen Legende nach aus Nächstenliebe seinen Mantel geteilt hat, um einen Bettler vor Kälte zu schützen.

Das ist eine schöne Geschichte, denke ich mir. Dann wird mir bewusst, dass gerade ein paar Kilometer entfernt die christlichsoziale Bürgermeisterin von Dornbirn ganz anders mit Bettlern verfahren ist als der Heilige Martin. In aller Frühe ließ sie die Polizei aufmarschieren, um Männern, Frauen und Kindern - allesamt Roma und vor allem Bettler - aus einem Lager zu vertreiben. Natürlich hatte die Bürgermeisterin dafür soziale Gründe ins Feld geführt: Das Kindeswohl sei durch das Übernachten bei winterlichen Temperaturen gefährdet. Den betroffenen Kindern wurde also von der Dornbirner Stadtregierung dabei geholfen, die nächsten Tage nicht mehr in Dornbirn frieren zu müssen. Dann eben in Hohenems, Lustenau oder Feldkirch; am liebsten wieder weit weg in Rumänien. Bravo. Eine Politik, die Problemsituationen nur in andere Einflussbereiche verschiebt, hat sich selbst aufgegeben. Dieser Umgang mit Armut ist das Armutszeugnis schlechthin.

Dabei ist das, was sich in Dornbirn abgespielt hat, bis dato lediglich der traurige Höhepunkt einer Reihe an Vorkommnissen, die die politische Konzeptlosigkeit dokumentieren. Zuerst versuchten es die ÖVP-Amtsträger mit den üblichen paternalistischen Methoden. Die "Hilfsangebote" bestanden vor allem im Angebot einer Rückreise nach Rumänien. Aber die Roma passten in keine bekannte Kategorie. Die Lösungskonzepte gingen über die engen bürgerlichen Denkmuster nicht hinaus und schlugen fehl. Dass die Angebote nicht angenommen wurden, fasste man als undankbar auf. Dieser Umstand wird mit einem aus dem Zusammenhang gerissenen Zitat aus Michel Houellebecqs neustem Roman "Unterwerfung" gut beschreiben: "Wahrscheinlich ist es für Menschen, die in einem bestimmten sozialen System gelebt und es zu etwas gebracht haben, unmöglich, sich in die Perspektive solcher zu versetzen, die von diesem System nie etwas zu erwarten hatten (...)."

Nun ging die Landespolitik zu Law-and-Order über. Dabei ist es an sich erstaunlich, dass ein paar dutzend "unangepasste" Personen alleine schon durch ihre Existenz Sand im Getriebe bürgerlicher Alltagsbewältigungsstrategien und -mechanismen sein können. Dass Armut sich derartig offensichtlich und "unbelehrbar" im sauberen Vorarlberg zeigt, wurde und wird als offene Provokation verstanden. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Das Ziel bestand vor allem darin, diese unangenehme Art der verzweifelten Armut aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit zu verdrängen.

Dementsprechend kam es zu vollkommen überzogenen Reaktionen wie dem genannten Ereignis in Dornbirn. Das alles erinnert stark an die Überforderung und Ignoranz der Innenministerin beim Umgang mit der Flüchtlingswelle. Im Gegensatz zur öffentlichen Debatte über Flüchtlinge dominieren bei der Diskussion über die Roma aber nach wie vor rassistische Denk- und Sprachmuster. Völlig unbekümmert sprechen einige über das "Roma-Problem". Damit wird eine ganze Volksgruppe - und nicht etwa Armut - zum Problem gemacht. Der Hintergrund dieser Methode der Entmenschlichung ist klar: Menschen müsste man helfen, Probleme müssen lediglich gelöst werden.

Bislang hat das alles nur dazu geführt, dass man die von schwerster Armut betroffenen Menschen von der einen Stadt in die nächste verjagt. Dort können sie bleiben, bis die behäbigen Mechanismen der Kommunalpolitik "kreative" Lösungen wie etwa ein allgemeines Campingverbot aussprechen und von der Polizei exekutieren lassen. Dann geht die Herbergssuche von Neuem los.

Das Sankt-Martinsspiel der Kindergruppe ist vorbei. Es nimmt ein gutes Ende, der Heilige Martin verteilt Schokolade. Die Kinderaugen leuchten. Irgendwo in der Nähe, unter irgendeiner Eisenbahnbrücke sehen Kinderaugen einem ungewissen neuen Tag entgegen. Für sie gibt es weder heute noch morgen ein Sankt-Martinsfest.

Donnerstag, 29. Mai 2014

Marx bis Wurst: Eine kleine Kulturgeschichte des Bartes



Seitdem er mit Conchita Wurst offiziell die Geschlechterzugehörigkeit überwunden hat, gilt der Bart auch wieder als politisches Statement. Tatsächlich hatte der Bart in der Menschheitsgeschichte nie nur ausschließlich eine kulturelle Bedeutung sondern stellte oft auch eine politische Manifestation dar. 

Bartwuchs als revolutionäres und volksnahes Symbol
So ist es kein Zufall, dass gerade der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus, Karl Marx, einen ausladenden Rauschebart pflegte. In der Zeit zwischen den großen Revolutionen 1789 und 1848 war der Bart das Erkennungszeichen des politischen und philosophischen Radikalismus. Ein Bart ließ im Allgemeinen auf ein revolutionäres Weltbild seines Trägers rückschließen. Diese Bedeutung wurde nach der Niederschlagung der Revolutionen 1848 dadurch in ihr Gegenteil verdreht, dass nun plötzlich Potentaten wie die deutschen und österreichischen Kaiser ihre Barthaare sprießen ließen. Hatte man in den Kaiserhäusern lange auf die glatte Rasur gesetzt, sollte der Bart angesichts veränderter politischer Bedingungen nun Volksnähe vorgaukeln. Als aber dieselben Adelshäuser ab 1914 das (männliche) Volk in Massen in den Schützengräben Europas mit Giftgas einnebeln ließen, stellte sich der Bart als Todesfalle heraus: Gasmasken schlossen nur auf rasierten Gesichtern luftdicht ab. Möglich war nur noch ein Oberlippenbart. Zweifelsfrei zu den Gewinnern des Krieges gehörte damit der Erfinder des Einwegrasierers, der US-Amerikaner King Camp Gillette

Ein Bart wird zum Erkennungszeichen des Nationalsozialismus
Der Erste Weltkrieg bildete damit für den Bart eine Zäsur, die bereits medial nachvollziehbar ist: Fotos in schwarz/weiß, auf denen Männer etwa mit Backenbärten zu sehen sind, sind mit ziemlicher Sicherheit vor dem Ersten Weltkrieg entstanden, während die Fotos danach fast ausschließlich Männer mit glatten Wangen zeigen. Die Mode des Rasierens war also in der Zwischenkriegszeit vor allem ein Überbleibsel der Erfordernisse an der Front und zugleich auch ein Ergebnis der Entpolitisierung des Bartwuchses. Dies sollte sich ab den 1930er-Jahren radikal dadurch ändern, dass der Anführer des deutschen Faschismus eine besondere Form des Oberlippenbartes zu seinem Markenzeichen machte: Die Erscheinung Adolf Hitlers war mit seinem Bart derartig fest verknüpft, dass fortan vom "Hitlerbart" die Rede war, wobei es sich dabei paradoxerweise gerade um die Aneignung einer amerikanischen Mode, des amerikanischen "Toothbrush-Moustache" (Zahnbürsten-Schnurrbart), handelte. Dieser Bart trat im Gleichschritt mit der amerikanischen Industrialisierung schnell seinen Siegeszug durch die ganze westliche Welt an. Als Katalysator für diese Entwicklung diente der Schauspieler Charles Chaplin, der diesen Bart ab 1914 trug - laut Eigenaussage deshalb, weil er skurril aussah und die in Stummfilmen elementaren Mimiken nicht verdeckte. Der Nationalsozialismus belegte die Bedeutung dieses Bartes jedoch so stark, dass damit bis heute eine klare politische Aussage verbunden wird. Nach wie vor besteht kein Zweifel am Bedeutungsgehalt von Aktionen, in denen auch noch heute die Gesichter auf Wahlplakaten rechtspopulistischer Parteien mit solchen Bärten verziert werden

Sturm und Drang. Oder: Die haarigen 60er und die Zeit danach
Mit der Niederlage der Nazis fiel der "Hitlerbart" endgültig dem Rasierer zum Opfer. In der unmittelbaren Nachkriegszeit war man im westlichen Kulturkreis generell um eine Entpolitisierung der Gesellschaft bemüht, deren Ideal darauf hinauslief, die Vergangenheit zu verschweigen und auf der Basis des Wirtschaftswunders ein braves bürgerliches Leben zu führen. Dies bedeutete in der Praxis, dass etwa in Deutschland und Österreich der unverarbeitete Dreck des Nationalsozialismus mit einem Übermaß an Sauberkeit und Anstandsregeln übertüncht werden sollte. Ein sauberes Gesicht sollte eine saubere, tadellose Lebensführung anzeigen. Das bedeutete nicht zwangsläufig ein haarloses Gesicht, zumindest aber einen sauber getrimmten (Oberlippen)Bart.

Als jedoch die nachfolgende Generation damit Begann, die Vergangenheit ihrer Eltern kritisch zu hinterfragen, bekam auch der Haarwuchs auf Kopf und Gesicht wieder eine Bedeutung, die nicht mehr nur als unsauber und unanständig wahrgenommen wurde sondern als offene Opposition zu den bürgerlichen Werten und Institutionen der Nachkriegszeit. In der 68er-Bewegung wurden (Voll-)Bärte gerne gesehen. Sie galten als offene Rebellion gegen das Establishment und dessen Wertvorstellungen. Und damit eroberte sich der ungebändigte Bart das Terrain der revolutionären Manifestation zurück und schaffte schlussendlich die volle Integration in die Popkultur. Dass die bewahrenden Kräfte in der Gesellschaft damit nicht viel anzufangen wussten, wird u.a. bereits im miefigen Schlagertitel "Wir" von Freddy Quinn von 1966 offensichtlich. Nachdem die Faulheit und Arbeitsverweigerungshaltung der jugendlichen "Gammler" kritisiert wird, singt Quinn Folgendes:

Auch wir sind für Härte, auch wir tragen Bärte, auch wir gehen oft viel zu weit. Doch manchmal im Guten, in stillen Minuten, da tut uns Verschiedenes leid.
Der Bart an sich ist also nicht das Problem ( - immerhin tragen auch die Anständigen - "wir" selber - Bärte), sondern die Geisteshaltung, die damit einher geht. Nachdem sich aber die Träume der 68er-Bewegung im Laufe der 1970er-Jahre aufgrund mangelhafter politischer Konzepte in Schall und Rauch des RAF-Terrors aufgelöst hatten, viele revolutionäre Ansätze in ungefährliche Wege geleitet wurden und kommerzialisiert worden waren, sich umfassende politische Bewegungen in Nischen aufspalteten und das Gros einer Generation an ehrlichen Kämpfern für eine bessere Welt in neuen oder bereits bestehenden Institutionen entschärft wurde, wurde auch der Bart wieder tendenziell entpolitisiert. Zwar wurden Bärte im Umfeld der aufkommenden Öko-Bewegung und im linken Spektrum oft gerne getragen, konnte aber aufgrund der weiten Verbreitung nicht mehr als exklusiv politisches Statement angesehen werden. Thematisiert wurde allerdings der Oberlippenbart, der sogar in einen häufig verwendeten Demospruch integriert wurde: "Die absolute Härte sind Oberlippenbärte" - eine Provokation gegenüber Polizisten, bei denen die "Rotzbremse" äußerst beliebt war. Hier diente der Bart aber nicht als integratives Merkmal einer Gesinnungsgemeinschaft sondern wurde zum negativen Erkennungsmerkmal der Staatsmacht, der man oppositionell gegenüberstand. Generell entwickelte sich die Frage der Gesichtsbehaarung aber zu einer zunehmend individuellen und wurde vom politischen Statement zum rein persönlichen Ausdruck, einer Vorliebe - zum Lifestyle.

Das bedeutet nicht, dass die Tage des Bartes als politische Manifestation endgültig gezählt wären. Als etwa in Ägypten noch bis vor kurzem die Muslilmbrüder die politische Macht inne hatten, galt ein Bart als unabdingbares Erkennungszeichen der Staatstreue und dominierte das Straßenbild. Nachdem allerdings die Muslimbrüder verboten worden waren, setzte ein Run zum Barbier ein, um sich unangenehme Konfrontationen mit den Sicherheitskräften zu ersparen. In beiden Fällen gilt die Gesichtsbehaarung als Äußerung einer politischen Gesinnung. Gemein ist bei aller Unterschiedlichkeit den genannten historischen Eckpunkten allerdings die Tatsache, dass der Bart immer nur als männlicher Ausdruck von politischer Manifestation galt. Weiblicher Bartwuchs galt auch bei den aufgeschlossenen 68ern nicht als schick sondern fiel dem bürgerlichen Ideal von Schönheit zum Opfer. Die daran anschließende Frauenbewegung hatte ihre eigenen dem Protest entstammenden Erkennungsmerkmale, wobei hier der Haarwuchs durchaus eine Rolle spielte, allerdings nicht im Gesicht. 

Alles vollkommen Wurst
Es ist insofern interessant, dass die Gewinnerin des Eurovision Song Contests Conchita Wurst durch ihren Vollbart derartig polarisiert, dass sich sogar hochrangige Funktionäre von Staaten wie etwa Russland zu einem reaktionären Kommentar bemüßigt fühlen. Die Wurzel der Polarisierung liegt in der Schwierigkeit der geschlechtlichen Definition von Conchita Wurst. Handelt es sich um eine Frau mit Bart oder um einen Mann in Frauenkleidern? Der Punkt ist, dass diese Frage ohne einer gewissen Kleinigkeit nicht gestellt werden würde: Dem Bart. In den traditionellen Denkkategorien gibt es Frauen und Männer mit ihren jeweiligen geschlechtsspezifischen Merkmalen: Ein Mann ist ein Mann, eine Frau ist eine Frau. Wenn diese Frauen und Männer sich dazu entscheiden, ihr Geschlecht umwandeln zu lassen, ist das Ergebnis auch hier einedeutig: Aus einem Mann wird eine Frau, aus einer Frau wird ein Mann. Auch die Protagonisten der Travestiekunst durchbrechen die klare Zuordenbarkeit nicht. Es handelt sich eben etwa um Männer, die sich als Frauen ausgeben. Die Gültigkeit eines auch hier klar abgegrenzten Schemas offenbart sich anhand der Tatsache, dass bei der Verkleidung großer Wert darauf gelegt wird, den Idealen des anderen Geschlechts in besonderem Maße zu entsprechen. Aber wie lässt sich eine Person einordnen, die der Erscheinung nach sowohl Mann als auch Frau sein könnte? Das "Dilemma" dieser Frage zeigt sich anhand des Vergleichs der Kommentatoren des deutschen und des österreichischen Rundfunks beim Song Contest. Während der österreichische Sprecher über "sie" sprach, gab sein deutsches Gegenstück Kommentare über "ihn" ab. Die Lösung dazu gibt Conchita selbst: Es ist "wurst", welchem Geschlecht man sie zuschreibt, weil ihre Persönlichkeit beide Geschlechter zulässt. Für einfach gestrickte Geister, für die jede Frage immer nur mit schwarz oder weiß beantwortet werden darf, mag das überfordernd sein; aber de facto wird damit der Umstand auf den Punkt gebracht, dass die in unserer Gesellschaft herrschende Zuschreibung von "männlich" und "weiblich" nicht nur oft widersprüchlich ist sondern auch das breite Spektrum einer individuellen Persönlichkeitsstruktur nur sehr unvollständig und verkürzt wiedergeben kann. Und gerade weil das vielfach ignoriert wird, hat eine solche Kleinigkeit wie ein Bart in diesem Fall eine derartige Sprengkraft, dass ganz Europa über das für und wider dieses Bartes debattiert - das macht den Bart zu einem Politikum, und in diesem Fall erneut zu einem Symbol der fortschrittlichen Kräfte. Wenn Frauen wie Männer in sozialen Netzwerken in Massen mit Conchita-Wurst-Bart posieren, machen sie das auch, weil sie sich mit der Botschaft identifizieren, die dieser Bart verkündet: Egal ob Mann oder Frau oder beides, egal ob Schwul, Lesbisch, Hetero oder was auch immer - das ist alles vollkommen wurst und jeder Mensch soll den Lebensweg einschlagen, der zum persönlichen Glück führt. Der Bart wurde zum Träger des Protests gegen Ausgrenzung und zum Symbol für ein offenes Miteinander.

Der Bart heute
Anhand der bisherigen Beobachtungen können wir feststellen, dass die Verbindung von Politik und Bartwuchs analog zu Wellenbewegungen ist: Es gibt Spitzen und es gibt Flauten, die einander bedingen und vom einen ins andere übergehen. Dabei ist klar, dass der Bart in den "Spitzenzeiten" nie für sich alleine steht sondern immer nur auf einen gewissen Bedeutungsgehalt hinweist; darin unterscheidet er sich nicht von anderen speziellen Symbolen, wie sie jeder politischen Bewegung eigen sind. Weil jedes Symbol (und auch pure Mode gehört dazu) immer das Resultat gesellschaftlicher Vorstellungen ist, ist auch der Bart in seiner "unpolitischen" Gestalt immer mit einer Aussage verbunden, allerdings viel subtiler; meist knüpft er dabei an die moralische und sittliche Ebene an.

In den letzten Jahren feierte der Bart in seiner unpolitischen Gestalt eine wahre Renaissance. Beliebt ist vor allem der Dreitagebart. Seine Akzeptanz geht so weit, dass die Hersteller von Männerpflegeprodukten über enorme Umsatzeinbußen klagen. Der Grund dafür mag vielschichtig sein, man mag dahinter auch einen letzten Rückzugsort der Männlichkeit sehen in einer Zeit, in der die Geschlechtergrenzen immer mehr verschwinden - was auch ein Indiz für die Polarisierungskraft des Bartes von Conchita Wurst wäre. Durch diesen Bart hat der Bart an sich mit einem Male wieder ein Potential inne, das entgegen der Ansicht einiger Kommentatoren über einen reinen Kulturkampf hinausgeht. Es ist aus heutiger Perspektive noch unklar, ob es sich hier nur um ein Strohfeuer handelt oder um den Anfang längst überfälliger Schritte hin zu einer echten Gleichbehandlung aller persönlichen Lebensentwürfe in Gesellschaft und Recht. Eines ist aber klar: Wenn es zu nachhaltigen Bewegungen in Gesellschaft und Recht kommt, hat dabei ein kleiner Unterschied namens "Bart" eine große Rolle gespielt.

Mittwoch, 25. Dezember 2013

Impfen: Ja oder nein? Ein Erkenntnisprozess.



Es begann mit einer Meldung, die mich schockierte: In den Grenzgebieten zu Syrien ist aufgrund der Notlage in den überfüllten Flüchtlingslagern die Kinderlähmung (Polio) wieder auf dem Vormarsch; und: es wird davon ausgegangen, dass diese Krankheit in europäische Länder mit niedrigen Impfraten übergreift. Konkret werden hier die Länder Bosnien Herzegowina, die Ukraine und überraschenderweise auch Österreich genannt. Ein näherer Blick auf die (geschätzte) Polio-Impfstatistik der Weltgesundheitsorganisation WHO offenbart tatsächlich ein eindeutiges Bild: Im Jahr 2009, aus dem die aktuellste Zahl für Österreich stammt, verzeichnete Österreich bei der Kinderlähmung lediglich eine Impfrate von 83% und ist damit EU-Schlusslicht. Österreich befindet sich damit gemeinsam mit Uganda, Namibia, Senegal und Botswana auf dem 16. Platz und in der unteren Hälfte aller 187 Länder, über die es für dieses Jahr Aufzeichnungen gibt. 149 Länder weisen höhere Raten aus, nur 33 Länder niedrigere. Dabei gilt es zu bedenken, dass eine Infektionskrankheit erst ab einer Impfrate von 95% als ausgerottet gilt. Die Perspektive, dass Kinderlähmung auch in Österreich wieder ausbricht, ist also durchaus real. Dabei ist die Impfrate bei Polio noch vergleichsweise hoch: Andere Impfungen wie etwa die Immunisierung gegen Diphterie, Tetanus und Keuchhusten weisen für 2009 eine Quote von lediglich 61% auf.
Ich habe mich also auf die Suche nach Antworten gemacht: Weshalb weist die Industrienation Österreich mit einem vergleichsweise sehr guten Gesundheitssystem derartig niedrige Impfraten auf? Schätze ich vielleicht die Wirksamkeit von Impfungen falsch ein? Und wie sieht es mit den Meinungen dazu in meinem persönlichen Umfeld aus?

Die Gründe von Impfgegnern
Die letztere Frage konnte ich simpel mittels Facebook klären. Ich habe nach persönlichen Positionen für und wider das Impfen gefragt und erhielt darauf sehr engagierte und ausführliche Rückmeldungen. In 23 Kommentaren äußerten sich meine Freunde für sich selbst, aber auch als Eltern und Ärzte. Dabei waren mehrere Positionen vertreten, sowohl prinzipiell für und gegen Impfungen wie auch differenziertere Ansichten über sinnvollere und sinnlosere Immunisierungen. Von besonderem Interesse für meine Fragestellung sind natürlich die Positionen dagegen: Von ausschließlicher Geldmacherei mit der Angst war die Rede, von giftigen Inhaltsstoffen und dass das Zurückgehen von Krankheiten weniger mit dem Impfen als vielmehr mit höheren Hygienestandards zu tun habe - also sinnlos sei. Dasselbe Bild ergibt sich auch bei einer Recherche im Internet, nur dass hier noch eine zusätzliche Bedrohung eine große Rolle spielt: Die Impf-Nebenwirkungen, die bei Kleinkindern bis zum Autismus gehen sollen. Von derartigen Ausgangspositionen wird vor allem die Frage der Verantwortung für die eigenen Kinder zum Spießrutenlauf: Schädige ich mein Kind durch impfen mehr, als dass ich es schütze? Ist es klüger, auf gewisse empfohlene Impfungen zu verzichten und auf eine alternative Stärkung des Immunsystems zu setzen?

Die Gründe für die Skepsis können also in zwei grundlegende Argumentationsstränge eingeteilt werden, die sich häufig ergänzen oder zumindest praktisch nie gegenseitig ausschießen:
1., Ablehnung aufgrund der prinzipiellen Unwirksamkeit von Impfungen;
2., Ablehnung aufgrund der schädigenden Nebenwirkungen von Impfungen.

Keine tollen Aussichten: Wenn die Impf-Skepsis objektiv gerechtfertigt ist, kostet impfen im besten Fall viel Geld für Nichts und gaukelt falsche Sicherheit vor. Im schlimmsten Fall aber fügt die Impfung sogar einen direkten Schaden zu. Ich als medizinischer Laie beginne, die Ängste vieler Menschen um sich selbst und ihre Kinder zu verstehen. Es ist also an der Zeit, die Fakten zu überprüfen.

Ist impfen prinzipiell nutzlos?
Der erste genannte Argumentationsstrang lässt sich empirisch untersuchen: Solange sich für mindestens eine Impfung ein beweisbarer Erfolg nachweisen lässt, ist der Vorwurf der prinzipiellen Unwirksamkeit widerlegt. Ich bleibe beim Beispiel der Kinderlähmung und mache mich auf die Suche nach den Eckdaten dieser Impfung in Österreich. Ich recherchiere und erfahre, dass hierzulande zwischen 1946 und 1961 noch 12.620 Menschen an Kinderlähmung erkrankten, 1.426 davon starben daran. Ab 1958 war ein Impfstoff dagegen erhältlich, der ab 1961 in Form der kostenlosen Schluckimpfung hohe Akzeptanz in der Bevölkerung genoss. Faktum ist: Zwischen 1962 und 1980 erkrankten nur noch 37 Österreicher an Kinderlähmung, worunter sechs starben - der letzte von ihnen im Jahr 1973. Die Wirksamkeit des Impfstoffes ist also evident. Ein Hinweis auf die sich in der Nachkriegszeit verbessernden Hygienestandards darf natürlich nicht fehlen. Dass aber ausschließlich diese - mit Sicherheit sehr wichtigen - Maßnahmen für die deutlich zu erkennende Zäsur des Jahres 1961 verantwortlich sein sollen, lässt sich nicht stringent argumentieren - vor allem nicht am konkreten Beispiel der Kinderlähmung, die ausschließlich von Mensch zu Mensch übertragen wird und keine tierischen Überträger wie einige andere Seuchen kennt.

Die Beweisführung für den Nutzen dieser Impfung lässt sich - leider - auch in die entgegengesetzte Richtung vollziehen, und zwar am aktuellen Beispiel des Anfangs genannten Bürgerkriegslandes Syrien. Am 29. Oktober 2013 meldete die WHO 22 Fälle einer akuten Erkrankung an Kinderlähmung. Die meisten der Betroffenen sind unter zwei Jahre alt und wiesen zu wenig oder gar keine Immunisierung auf. Das ist insofern dramatisch, als dass die Krankheit in Syrien eigentlich als ausgerottet galt. Durch den Krieg sank allerdings die Impfrate von 91% im Jahr 2010 auf 68% im Jahr 2012. Die Fakten sprechen hier klar und deutlich für die Sinnhaftigkeit der Impfung: Die Seuche brach nicht nur vor dem Hintergrund der sozialen und hygienischen Notlage in den völlig überfüllten Flüchtlingslagern aus, sondern betrifft dort auch hauptsächlich Kleinkinder, die seit Kriegsausbruch geboren wurden, also nach einem Zeitpunkt, der den massiven Rückgangs der Impfrate markiert. Diejenigen, die vor 2010 geboren wurden und noch eine Impfung erhalten haben und mit denselben hygienischen Zuständen konfrontiert sind, scheinen von der Immunisierung zu profitieren.

Es wäre methodisch nicht korrekt, dieses Ergebnis auf sämtliche angebotenen Impfungen umzulegen. Es soll hier aber auch nicht darum gehen, jedes einzelne Produkt einer empirischen Prüfung zu unterziehen. Die Fragestellung dieses Abschnittes zielte auf die prinzipielle Nutzlosigkeit von Impfungen ab, und diese kann mit sehr geringem Aufwand widerlegt werden. Es erstaunt und schockiert mich doch einigermaßen, dass angesichts der genannten Fakten, deren Sammlung bei einer ehrlichen Recherche keine große Kunst ist, gewisse Initiativen nach wie vor den generellen Nutzen von Impfungen in Frage stellen. So heißt es etwa auf "impffrei.at": "Dass der Rückgang der Seuchen durch Impfungen verursacht wurde, ist unwahrscheinlich. Es gibt dafür keinen einzigen wissenschaftlichen Beweis." Ich fühle mich verschaukelt. Der Hinweis auf den vermeintlich fehlenden "wissenschaftlichen Beweis" soll wohl besonders wissenschaftlich wirken - de facto ist diese Aussage aber eher ein Versuch, die eigenen Unwissenschaftlichkeit zu kaschieren. Dennoch gehe ich davon aus, dass sich die Menschen hinter "impffrei.at" mit dem Thema auseinandergesetzt haben und möchte sehen, von dem die Initiative geleitet wird. Doch auch hier fehlen die Grundlagen der Wissenschaftlichkeit: Es ist auf der Homepage nirgendwo ein Impressum angegeben, nicht einmal eine Mailadresse oder ein Formular zur Kontaktaufnahme. Wer also hinter der Initiative steht, ist nicht erkenntlich. Stattdessen gibt es eine lange Liste "berühmter Impfgegner", unter denen sich neben Naturheilpraktikern und Homöopathen sogar der  Tiroler Freiheitsheld Andreas Hofer des beginnenden 19. Jahrhunderts befindet. Auch eine paar Ärzte werden genannt, und hier schaue ich genauer hin, vielleicht gibt es hier verwertbares wissenschaftliches Material, das die generelle Wirkung von Impfungen hinterfragt. Doch erneut werde ich herb enttäuscht: Genannt wird etwa Dr. med. Gerhard Buchwald, der allen Ernstes Kriminalität als Folge von Impfungen definiert. Interessant ist allerdings Dr. med. Friedrich Graf. Er ist Allgemeinmediziner und Homöopath und interessiert mich vor allem aufgrund seines Buches "Nicht impfen - was dann?", das beim Online-Händler "Amazon" bemerkenswert viele positive Kommentare bekommen hat, in der die Leser davon berichten, sich bzw. ihre Kinder nach Lektüre des Buches nicht mehr impfen zu lassen. Ein klarer Fall: Das betrifft exakt meine grundlegende Fragestellung und ich besorge mir das Buch.

Schadet impfen mehr, als dass es nützt? Ein erster Erkenntnisversuch.
Bereits die ersten Zeilen der Einführung machen klar, dass es sich hierbei um einen ausgesprochenen Impfkritiker und -gegner handelt. Er berichtet, dass die Beobachtungen von Geschädigten nach den Impfungen "erschüttern"(1), bleibt aber über 200 Seiten über den wissenschaftlichen Beleg dafür schuldig - und erklärt auch gleich, warum ein Beweis gar nicht möglich ist: "Eine wissenschaftliche Beweisbarkeit von Schäden gibt es nicht, nur die Plausibilität der Nähe zum Impfereignis."(2)  Diese Aussage, getroffen von einem Arzt, macht doch etwas stutzig. Seine gesamten Thesen macht Graf also nur an seinen Beobachtungen fest, an persönlichen Erfahrungen sowie Vorstellungen und Schlüssen, die daraus gezogen werden. An empirisch begründeten Thesen wäre an sich nichts Fragwürdiges, wenn diese auch als solche gekennzeichnet wären. In seinem Buch macht Graf seine Ansichten allerdings zu Dogmen, die in platten Sätzen daherkommen wie "Impfungen machen obligat krank!" (3) oder der sich an mehreren Stellen befindenden ironiefreien Gleichsetzung von Impfungen mit "Körperverletzung". Die Spitze der Absurdidät erreicht Graf mit seiner Aussage, dass Impfungen "'kommunistische' Maßnahmen" seien, weil alle die "gleiche Dosis und das gleiche Präparat zu willkürlichen Zeiten" erhalten. (4) Diese Aussage beschwört die Angst des Individuums vor einer fremden Übermacht herauf, die in diesem Falle zweigeteilt ist: einerseits die Angst vor den Fremdkörpern, die durch eine Impfung Besitz von der individuellen Gesundheit ergreifen; andererseits die Furcht vor institutioneller Gewalt, der das Individuum als solches ausgeliefert ist. Tatsächlich zieht sich diese Thematik durch das gesamte Buch, wodurch wohl nicht zu Unrecht der Eindruck entsteht, dass es Graf hier nicht nur um eine reine Darstellung seiner Ansicht zum Thema "impfen" geht, sondern vor allem auch um die Propagierung eines bestimmten Weltbildes. Dieses Weltbild erscheint oberflächlich betrachtet zwar vorerst als emanzipatorisch und fortschrittlich-subversiv gegenüber Staat und Gesundheitssystem und deren Insitutionen, ist aber bei genauerem Blick genau das Gegenteil - nämlich antiemanzipatorisch und rückwärtsgewandt. Laut Graf wird nämlich die Basis für ein gesundes Leben ohne Impfungen in den ersten vier Lebensjahren eines Kindes vor allem in der als "heilig" anzusehenden "Symbiose zwischen Mutter und Kind" (5) gelegt: Solange nichts zwischen diese Symbiose kommt, auch keine Injektion - also Impfung - "ist Krankheit die Ausnahme und Gesundheit die Regel." Doch nicht nur die Injektion bedroht laut Graf diese Symbiose, auch Horte, Krippen und Kindergärten stellen in seinen Ausführungen eine Gefahr für die Gesundheit des Kindes dar. (6) Diese Einrichtungen sind laut Graf eher eine Antwort auf die "soziale Vereinsamung" der Eltern, bzw. ein Ergebnis deren Wunsches, wieder berufstätig zu sein. (7) Und auch, wenn er hier allgemein von "Eltern" spricht, ist offensichtlich, wen er eigentlich in die moralische Pflicht nimmt: Frauen. Daraus macht er an gewissen Stellen auch gar keinen Hehl. Nachdem er etwa das Ideal weiblicher Tiere beschwört, die bei Gefahr für die Jungen "zu äußerster Aggressivität bis hin zur Selbstaufgabe" fähig sind, appelliert er an die Frauen: "Diese Qualität der Mutter vermisse ich heute, wenn es um die Angriffe auf ihr Kind geht". (8) Diese Angriffe erkennt er u.a. von Seiten der "modernen Medizin", meint also damit auch Impfungen. Väter werden in diesen Vorstellungen übrigens nicht nur zu Nebendarstellern innerhalb der Familie abqualifiziert, er schreibt ihnen bezüglich dieses Schutzes vor "Angriffen" sogar eine negative Rolle zu. Sie würden Impfungen nämlich häufiger befürworten, "gehen das Thema rationaler an, zeigen sich beeinflusst von Medien" und sind durch "Angstkampagnen" leichter zu verunsichern. Zudem würden sie sich weigern, andere Meinungen anzuhören und andere Schriften zu lesen. Diesem männlichen Klischee stellt Graf das weibliche gegenüber: "Mütter handeln aus Schutzinstinkt, lassen sich weniger von rationalen Einsichten aus einseitiger Aufklärung beeindrucken." (9) Das Problem bestehe aber darin, dass Frauen sich trotz dieser Eigenschaften oft dem sozialen Druck beugen würden und ihre Kinder impfen lassen. Starke, rationale Männer gegen schwache, emotionale Frauen - eine Geschlechterauffassung aus der historischen Mottenkiste. Dieses Buch, das ich als alternative Informationsquelle zu möglichen Impfgefahren studieren wollte, entpuppt sich als Mogelpackung. Unter dem Deckmantel der "Impfkritik" bekomme ich ein antiquiertes Weltbild eines Arztes aufgetischt, der nicht einmal versucht, seine Thesen wissenschaftlich zu belegen sondern seine Belege ausschließlich aus eben diesem Weltbild selbst schöpft. Der Autor vertritt eine Theorie, die in keiner Weise wissenschaftlich geerdet ist sondern als Selbstzweck einer bestimmten Ideologie fungiert: Auf den Punkt gebracht schadet impfen laut Graf nicht deshalb, weil er dafür wissenschaftliche Beweise nennen kann, sondern weil ein positiver Zugang zu Impfungen in seinem Weltbild einer Familiendefinition entspringt, die ebendieses Weltbild bedrohen.

Schadet impfen mehr, als dass es nützt? Ein zweiter Erkenntnisversuch.
Die zentrale Erkenntnis aus diesem Buch habe ich insofern nicht hinsichtlich der womöglichen Gefahr von Impfungen erhalten. Diesbezüglich wurde ich im Gegenteil vollkommen enttäuscht. Viel mehr aber wird dadurch offensichtlich, dass es auch in diesem Fall nicht nur um reine Information geht sondern durchaus auch um einen ideologischen Kampf, der den nüchternen Blick auf die Sachlage verschleiert. Wenn eine Person, die die Bedeutung von wissenschaftlichen Ansprüchen aufgrund ihrer eigenen Ausbildung kennen sollte, zur Untermauerung einer Theorie auf derartige Worthülsen wie die "heilige" Symbiose zwischen Mutter und Kind zurückgreifen muss, wird damit die gesamte Thematik diskreditiert. Wenn dieser Umstand noch als "bedauerlich" bezeichnet werden kann, wird es ab dem Moment mehr als fragwürdig, ab dem sich Eltern auf der Basis derartiger Lektüre tatsächlich dafür entscheiden, ihr Kind nicht impfen zu lassen. Eltern von Neugeborenen sind ohnehin bereits einer wahren Flut an einander widersprechenden Informationen hinsichtlich des Wohl des Kindes ausgeliefert, umso mehr Gewicht haben da Argumente, die scheinbar wissenschaftlich fundiert sind.

Bislang haben es mir die Impfgegner sehr schwer gemacht, mich auf ihre Seite zu ziehen. Nachdem ich mir aber sicher bin, dass es auch dort vernünftige Ansichten geben muss, die in irgendeiner Art wissenschaftlich geerdet sind, wage ich einen letzten Versuch auf der Basis einer Empfehlung, die mir eine Freundin im Zuge meiner Facebook-Frage nähergebracht hat. Ich besorge mir das Buch "Impfen Pro & Contra" von Dr. Martin Hirte, das auf Amazon noch weitaus mehr Bewertungen hat als das vorhergehende und wohl zu den Bestsellern in diesem Bereich gehört. Und tatsächlich werde ich dieses mal nicht enttäuscht. Hirte führt sehr genau in das Thema ein, behandelt neben den Wirkstoffen auch verschiedene Aspekte wie etwa die Rolle der Pharmabranche und gibt ein weitgehend objektives Bild der Thematik wieder, wobei er seine eigenen Überzeugungen nicht verschweigt; dabei geht er aber nicht moralisierend vor sondern macht seine Ansichten als solche erkennbar.

Generell sieht Hirte Impfungen eher kritisch, wobei er die einzelnen Impfungen hier klar differenziert. Seine Beweisführung wirkt gewissenhaft und geht, soweit sie gehen kann: Einen direkten Zusammenhang zwischen Impfung und einem daraus resultierenden Schaden zu belegen ist nämlich in den meisten Fällen aufgrund der dürftigen Studienlage kaum möglich. Dennoch führt er als Beleg seiner Befürchtungen anders als Dr. Graf ( - der es dann auch dabei belässt -)  nicht nur die eigene Überzeugung an, sondern verweist auf wissenschaftliche Untersuchungen, die in diese Richtung deuten. Die Schäden, die Impfkritiker und auch Hirte anführen, betreffen vielfach die Entwicklung des Kindes. Wenn aber im ersten Lebensjahr eine gewisse Impfung durchgeführt wird, deren womögliche Schäden erst im Laufe der weiteren Entwicklung des Säuglings hin zum Kleinkind sichtbar sind, kann der Zusammenhang ohne diesbezügliche Langzeitstudien schwer bis gar nicht bewiesen werden. Sofern der Schaden dadurch entsteht, dass der Impfstoff aufgrund der noch nicht ausgereiften Entwicklungsstufe des Säuglings schädlich ist, könnte die Lösung dafür lauten, mit dem Impfen erst später zu beginnen. Hirte etwa meint, dass das Problem von allzu frühen Impfungen darin besteht, dass drei körpereigene Systeme noch unreif sind: Die Nierenfunktion, das Immunsystem und das Nervensystem. (10) Zu einem späteren Zeitpunkt, etwa nach dem ersten Geburtstag, würde die Gefahr deutlich sinken. Dies könnte für die möglichen Schäden eine Lösung sein, verschiebt die Problematik aber nur auf eine andere Ebene: Die Frage des Impfens wird dadurch von einer prinzipiellen zu einer zeitlichen; angenommen, den von Hirte genannten möglichen Entwicklungsschäden kann durch einen späteren Impfzeitpunkt vorgebeugt werden, wie sieht es dann mit den möglichen Schäden durch jene Krankheiten aus, die den Säugling in jener Zeitspanne bedrohen, in der noch nicht geimpft wird? Hirte ist sich dessen bewusst, benennt die dadurch entstehenden Risiken aber als gering, wobei er verantwortungsbewusst betont, dass sie in einem Impfgespräch nichts desto trotz unbedingt thematisiert werden müssen. (11)

Die Herangehensweise Hirtes offenbart, dass die Thematik um einiges komplexer ist, als sie in einer schwarz-weiß-Malerei zur Entfaltung kommen könnte. Dabei muss man dem Autor in seinen Schlussfolgerungen nicht zwangsläufig rechtgeben um nachzuvollziehen können, dass die Frage des Nutzens oder Schadens einer Impfung von diversen Faktoren abhängen kann. Abgesehen davon wird wohl niemand ernsthaft behaupten wollen, Impfungen seien generell ungefährlich - jeder medizinische Eingriff birgt eine gewisse Gefahr in sich. Im Prinzip handelt es sich hier um nichts anderes als um eine Abwägung der Risiken: Ist die Gefahr für Leib und Leben durch eine konkrete Impfung größer als durch eine Unterlassung der Impfung oder ist es umgekehrt? Diese Abwägung ist aber umso schwerer, je ideologischer um diese Frage vernebelt wird. Die Ansichten eines Dr. Graf habe ich bereits genannt. Auf der anderen Seite der Medaille finden sich die Beteuerungen und Kampagnen der Pharma-Industrie, die selbstredend auch gewisse Interessen verfolgt, die sich nicht zwangsläufig mit dem Wohl der Impflinge decken müssen. Hierbei darf aber nicht der Fehler gemacht werden, die wissenschaftliche Medizin mit der Pharmabranche gleichzusetzen. Dass letztere versucht, aus ersterer Profit zu schlagen, ändert nichts an biologischen Vorgängen, wie sie im Rahmen der Wissenschaft erforscht werden.

Insofern ist der entscheidende Punkt, der die Frage des Nutzen-Risiko-Verhältnisses von Impfstoffen beantwortet, die Auswertung von vorhandenen Studien zu genau diesem Thema. Nachdem von Impfkritikern (zu Recht) kritisiert wird, dass derartige Studien hauptsächlich von der Pharmabranche selbst stammen und auch nur dann veröffentlicht werden, wenn sie dem Marketing dienen, greife ich hier auf die neuste Publikation des österreichischen Gesundheitsministeriums zu diesem Thema zurück, die im Dezember 2013 unter dem Namen "Reaktionen und Nebenwirkungen nach Impfungen" publiziert wurde. Diese Publikation ist durch zweierlei Aspekte bemerkenswert: Erstens, weil sie eben aus Österreich stammt, wo es kein beratendes Impfgremium mehr gibt wie etwa in Deutschland die von Impfkritikern viel kritisierte "STIKO", die durch die latent vorhandenen Interessenskonflikte ihrer Mitglieder stark an öffentlicher Autorität eingebußt hat; in Österreich verantwortlich für Impfempfehlungen ist seit 2011 der Sanitätsrat, der nicht (wie die STIKO) ausschließlich Fragen von Impfungen und Infektionskrankheiten behandelt, sondern neben Medizinern auch aus Fachleuten der Bereiche Pflege, Gesundheitsplanung und Gesundheitsfinanzierung besteht. Das heißt im Konkreten, dass das Thema umfassender betrachtet wird und somit wohl auch nachhaltiger.
Zweitens wurde die Publikation vom Gesundheitsministerium nicht bei der Pharmabranche in Auftrag gegeben sondern bei der Medizinischen Universität Wien und verzichtete ausdrücklich auf Sponsoring durch die Industrie. Gleichzeitig werden alle Interessenskonflikte der insgesamt 13 Autoren seit den letzten fünf Jahren peinlich genau aufgelistet, um ein eigenes Urteil über die Glaubhaftigkeit der Publikation zu ermöglichen. (12) Insofern kann ich das Dokument als seriöse Quelle einstufen, wobei es sich hier ausdrücklich um keine Studie an sich handelt, sondern um eine kurze Zusammenfassung und Analyse existierender Studien.

Sehen wir uns also die Nutzen-Risiko-Relation an einem Beispiel an. Gleich zu Beginn wird das Beispiel einer Masernenzephalitis genannt. Sie tritt auf, wenn die als "Kinderkrankheit" bekannte Masern-Erkrankung zu einer Gehirnentzündung führt. Von tausend an Masern erkrankten Personen kommt es bei einer zu dieser gefürchteten Komplikation, indessen jeder vierte davon daran stirbt ( - wobei hier die weitaus häufiger auftretenden Dauerschäden nicht erwähnt werden). Das Risiko, trotz einer Masernimpfung eine Enzephalitis zu bekommen, liegt im Vergleich dazu bei 1:1.000.000 - tausendmal niedriger. Die Wahrscheinlichkeit, aufgrund der Impfung eine Enzephalitis zu bekommen, ist kleiner als 1:1.000.000. Die häufigste Nebenwirkung scheint Fieber zu sein, zudem existiert die (nicht näher quantifizierte) Möglichkeit einer Erkrankung an einer milden Form einer vorübergehenden Masern-Erkrankung. (13) Die geimpfte Person schneidet also exponentiell besser als die ungeimpfte. Zudem scheinen Masern wieder verstärkt aufzutreten, wie der Ausbruch von Epidemien etwa in München oder den Niederlanden im Jahr 2013 offenbart. Die Nutzen-Risiko-Relation scheint hier eindeutig für die Impfung zu sprechen.

Worüber derartige Zahlen keine Auskunft geben, sind die von Hirte angesprochenen Entwicklungsschäden, für die mit den bisherigen Analysemethoden kein unmittelbarer Zusammenhang zur Impfung hergestellt werden kann, da die notwendigen Langzeitstudien fehlen.
Auf Aspekte dessen geht das Dokument des österreichischen Gesundheitsministeriums ein, indem die Autoren eine mögliche Kausalität von Impfungen und Autismus sowie Allergien in den Fokus nehmen. Das Ergebnis lautet, dass auf der Basis aller seriöser Studien, die bislang diesen Befürchtungen auf den Grund gegangen sind, ein Zusammenhang ausgeschlossen werden kann. (15) Dennoch sollte es Aufgabe der Forschung sein, die neuen Fragestellungen zu berücksichtigen und die von Hirte angesprochenen Langzeitstudien zu starten. Einen ersten Schritt zu einer neuen Auffassung von Schäden in Zusammenhang mit Impfungen geht bereits die WHO, die eine neue Definition für derartige Komplikationen geschaffen hat, die jegliches unerwünschte Ereignis nach einer Impfung berücksichtigt. (14) Diese Definition nennt sich "Adverse Events Following Immunization", kurz AEFI, und die Ergebnisse ihrer Anwendung sind offen zugänglich.

All dies offenbart, was an sich selbstredend ist: Die Forschung wird gerade angesichts der komplexen biologischen Vorgänge im menschlichen Körper nie an einem Endpunkt angelangt sein. Jede Erkenntnis und jede Entwicklungsstufe bedeuten das Auftreten neuer Fragen. Die Aufgabe von ernsthafter Wissenschaft - hier also der Medizin - ist es, diese Fragen ernst zu nehmen und ihnen auf den Grund zu gehen.

Mein Erkenntnisprozess hinsichtlich des Nutzen-Risiko-Verhältnisses sieht wie folgt aus: Der Nutzen, der heute allgemein von Impfungen ausgeht, scheint dem möglichen Schaden durch Impfungen bzw. deren Unterlassung weit zu übertreffen. Ein gewisses Risiko bleibt zwangsläufig bestehen und wird nie beseitigt werden können, weil jede Aktion eine Reaktion hervorruft, die in gewissen Fällen negative Konsequenzen haben kann. Wenn aber einer vorhandenen Gefahr mit einer sehr simplen ungefährlichen Maßnahme vorgebeugt werden kann, spricht nichts dagegen, diese Maßnahme anzunehmen.

Das Fazit
Impfen: Ja oder nein? Das war meine Ausgangsfrage. Auf der Grundlage meiner Recherchen tendiere ich sehr stark zur Befürwortung einer Methode, die - wissenschaftlich erwiesen - mit geringem Aufwand und geringem Risiko dazu führt, gegen bedrohliche Krankheiten zu immunisieren. Dennoch bedeutet dies keine bedingungslose Unterstützung aller Impfempfehlungen, denn eine solche kann es auf seriöser Argumentationsbasis gar nicht geben. Eine Impfung wird in den meisten Fällen die beste Lösung sein, immer aber mit Sicherheit nicht. Angesichts dieser Tatsache halte ich es für richtig, dass inzwischen in Österreich wie auch in Deutschland und der Schweiz die Impfpflicht der Impfempfehlung gewichen ist. So richtig die gesetzliche Impfpflicht zu ihrer Zeit gewesen sein mochte, so wenig entspricht sie heute einer Medizin, die Ursache und Wirkung von Impfstoffen viel differenzierter untersuchen kann als noch im letzten Jahrhundert und nicht zuletzt auch ganzheitlicher auf die individuelle Krankengeschichte einzugehen in der Lage ist. Das eigentliche Problem mit der Impfflicht bestünde aber in der Fundamentalopposition, die sie hervorrufen würde, womit der ideologische Kampf zwischen Befürwortern und Gegnern in neue Höhen getrieben werden würde - ein Kampf mit keinem Gewinner, nur Verlierern.

Die Ablehnung der gesetzlichen Impfflicht soll aber nicht bedeuten, dass die Frage "Impfen: ja oder nein?" nur individueller Natur wäre. Denn wenn auch die Entscheidungen für oder gegen eine Injektion ausschließlich von uns selbst getroffen wird, so geht die Reichweite dieser Entscheidung über uns als Individuen hinaus. Zwar sind wir nach wie vor Individuen, bewegen uns aber nicht im luftleeren Raum, sondern sind soziale Wesen, die mit anderen Menschen zwangsläufig in Kontakt treten. Wäre dem nicht so, wäre auch die Impfentscheidung obsolet, denn Infektionskrankheiten werden hauptsächlich von Mensch zu Mensch übertragen - ohne diesen Kontakt brauche ich auch keine Impfung. Soll dem ein Riegel vorgeschoben werden, gibt es nur zwei prinzipielle Möglichkeiten: Entweder, die sozialen Kontakte werden massiv eingeschränkt bis ganz abgebrochen, oder es werden präventive Schritte ergriffen. Nachdem der erstgenannte Weg nicht nur einfältig ist sondern in einer globalisierten Welt der hochdifferenzierten Arbeitsteilung auch schier nicht umsetzbar, bleibt nur noch die Alternative der Impfung. Gerade das Beispiel der möglichen Überschwappung der Kinderlähmung auf Österreich zeigt auf, dass dies die einzige realistische Möglichhkeit ist. So fern Syrien auch sein mag, in einer globalisierten Welt hat das, was dort passiert, auch Auswirkungen auf ein kleines mitteleuropäisches Land. Einem gesunden, jungen Menschen mag der Kontakt mit dem Poliovirus nichts anhaben, er kann die Krankheit aber dennoch übertragen, wobei der Krankheitsverlauf bei Menschen mit schwächerem Immunsystem dramatisch sein kann. Eine Impfung schützt also nicht nur den eigenen Körper sondern auch die Menschen, mit denen man - gewollt wie auch ungewollt - in Kontakt kommt. Die Impfentscheidung ist damit auch eine Frage der Verantwortung gegenüber all diesen Menschen. Das führt wieder zurück zur anfangs genannten erforderlichen Durchimpfungsrate von 95%, bei deren Erreichen eine Krankheit erst als ausgerottet gilt. Denn erst dann greift die sogenannte "Herdenimmunität", bei der die Immunisierung der 95% ein Durchdringen eines Virus bis zu jenen, die aus welchen Gründen auch immer nicht geimpft sind, zuverlässig verhindert.

Solange nicht aus welchen Gründen auch immer Einwände gegen die grundlegenden Impfungen bestehen, sollten sie durchgeführt werden - das ist meine Conclusio. Angesichts der generell niedrigen Impfraten in Österreich besteht die Aufgabe aber nicht in der Schaffung moralischer oder gar gesetzlicher Zwänge zur Impfung; vielmehr geht es darum, bestehende Ängste ernst zu nehmen und eine ernsthafte und offene gesamtgesellschaftliche Diskussion darüber zu führen. Nur so wird es gelingen, nicht nur die Impfraten zu steigern, sondern auch zu definieren, welchen Weg das Gesundheitssystem für die Zukunft einschlagen soll.

Interessantes zum Thema:
Video: Impfen - Kleiner Piks mit großer Wirkung (3Sat, u.a. mit Dr. Martin Hirte)


Quellenverweise:
(1) Graf, Dr. Friedrich P., Nicht impfen - was dann?, Sprangsrade Verlag, Ascheberg 2008, S. 12
(2) Ebd., S. 12
(3) Ebd., S. 13
(4) Ebd., S.17
(5) Ebd., S. 97
(6) Ebd., S. 97 & 22
(7) Ebd., S. 98
(8) Ebd., S. 80
(9) Ebd., S. 135
(10) Hirte, Dr. Martin, Impfen Pro & Contra. Das Handbuch für die individuelle Impfentscheidung, Knaur Taschenbuch Verlag, München 2012, S. 61f
(11) Ebd. , S. 64
(12) Reaktionen und Nebenwirkungen nach Impfungen. Erläuterungen und Definitionen in Ergänzung zum Österreichischen Impfplan, Medical Dialogue Kommunikations- und PublikationsgmbH., Kottingbrunn 2013, S. 18
(13) Ebd., S. 2
(14) Ebd., S. 5
(15) Ebd., S 12f

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Was an "Borgen" und Birgitte Nyborg begeistert



Derzeit strahlt Arte die letzte Staffel der dänischen Fernsehserie "Borgen" aus. Im Wesentlichen geht es dabei um die liberale Politikerin Birgitte Nyborg (gespielt von Sidse Babett Knudsen), die versucht, Politik, Macht und ihre eigenen Ideale in Einklang zu bringen. Das klingt banal, doch der große internationale Erfolg einer vom öffentlich-rechtlichen dänischen Rundfunk produzierten Serie über Politik ist nicht gerade vorgezeichnet. Inzwischen wurde die Serie in 70 Länder verkauft. Insofern stellt sich die Frage: Worin liegen Reiz und Erfolg von "Borgen"?

1., Wir bekommen Menschen hinter den Funktionen zu sehen
Es ist fast schon erleichternd zu sehen, dass die Protagonisten trotz ihrer Macht in Politik und Medien abseits ihrer Brotberufe den normalen Gesetzmäßigkeiten des Alltagskampfes unterworfen sind. In den ersten beiden Staffeln wird dieser Umstand vor allem anhand von Birgitte Nyborg deutlich: Die Macht einer Premierministerin schützt sie nicht vor den Problemen ihrer Kinder, den Bedürfnissen ihres Partners und den Wirrnissen des Privatlebens. Die Perspektive auf Akteure in Politik und Medien gibt dabei eine sehr spezifische Realität wider. Grundlegend existenzielle Ängste wie Arbeitslosigkeit, hohe Lebenskosten, etc. sieht man wenn dann nur von der "passiven" Perspektive der Politik aus - als Probleme der anderen, die es für andere zu lösen gilt. "Borgen" handelt von der Komplexität, diese Zustände politisch zu lösen, insofern ist die erwähnte "spezifische Realität" vollkommen gerechtfertigt. Die Konflikte, mit denen es die Charaktere der Serie persönlich zu tun haben, finden auf einer anderen Ebene statt. Hier werden vor allem zwischenmenschliche Fragestellungen aufgegriffen, wie beispielsweise die Rolle, die Definition und Aufgabe der Familie im 21. Jahrhundert. "Borgen" gibt darauf keine Antwort, thematisiert aber das, was heute tagtäglich er- und gelebt wird.

2., Borgen handelt von politischen Problemen, die uns wirklich beschäftigen
"Borgen" ist kein Kitsch. Es geht nicht um romantisches Klimbim unwichtiger Nebensächlichkeiten verhätschelter Neureicher. Die Serie handelt von brisanten Themen unserer Zeit, wie dem Umgang mit straffälligen Jugendlichen, der Verantwortung Europas gegenüber der "Dritten Welt" oder der Einwanderungspolitik. Und wenn sich das auch jeweils am Beispiel der dänischen Politik festmacht, wird dennoch auf übertriebenes skandinavisches Lokalkolorit verzichtet. Das bedeutet: "Borgen" könnte ohne weiteres in jedem anderen europäischen Land spielen. Diese Möglichkeit zur Verallgemeinerung einerseits der Probleme und andererseits des Umfelds, in dem sie stattfinden, erlauben es den Zusehern, ihre eigenen Erfahrungen daran anzuknüpfen - ohne zwangsläufig mit den Entscheidungen der Protagonisten übereinstimmen zu müssen. Dass das funktioniert, ist eine verdammt gute Nachricht: Es beweist nämlich, dass Fernsehen nicht primitiv und voyeuristisch sein muss, um Erfolg zu haben. Wenn eine intelligente Serie über Politik, die im kleinen Dänemark produziert wurde, den Sprung zu einem internationalen Millionenpublikum schafft, belegt das, dass es ein Bedürfnis gibt, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen.

3., Nyborg ist integer und schafft, anstatt zu verwalten
Die Protagonistin Birgitte Nyborg ist echt, integer und vor allem: Sie schafft. Für uns EU-Bürger, die wir Reformen nur noch als Bedrohung für den Lebensstandard kennen und "Regierung" inzwischen mit "Stillstand" gleichsetzen - wie erfrischend erscheint uns da eine gestalterische, schaffende politische Persönlichkeit. Dabei kann den Autoren von "Borgen" keine Naivität unterstellt werden. Die Charaktere marschieren in der ersten Staffel noch recht gutgläubig in die Staatskanzlei und lernen bald die harte Realität kennen, die mit Macht und Politik einhergeht. Es wird gezeigt, dass es möglich ist, an den eigenen Idealen festzuhalten, wenn auch im politischen Ringen um parlamentarische Mehrheiten nicht selten schmerzhafte Abstriche gemacht werden müssen. Dennoch gibt es für Nyborg & Co. eine rote Linie, die nicht überschritten wird. Dabei unterscheidet sich die Politik in "Borgen" in zweierlei Hinsicht grundlegend von der Politik, wie wir sie in den meisten Ländern Europas tatsächlich kennen: Erstens gibt sich Nyborg nicht damit zufrieden, einfach nur den status quo aufrecht zu erhalten - sie möchte verändern anstatt zu verwalten. Und zweitens dienen diese Veränderungen nicht der Verschlechterung des breiten Lebensstandards, der Freiheitsrechte oder den Lebenschancen, sondern deren Verbesserung. Das hat nichts mit "Gutmenschentum" zu tun, denn tatsächlich muss sich der politische Mainstream in Europa fragen, warum es eigentlich keine nennenswerte politische Kraft gibt, für die Zuwanderung eine kulturelle Bereicherung ist oder die sich nachhaltig gegen eine simple Law-and-Order-Politik gegenüber jugendlichen Straftätern ausspricht. Birgitte Nyborg ist keine Marionette der Umstände, die sich bei Ungerechtigkeiten auf die bestehende Gesetzeslage herausredet, weil die eben so ist, wie sie ist. Da sie weiß, dass es einen Unterschied macht, ob ein Mensch handelt oder nicht, ist sie eine Akteurin und Gestalterin.

4., Frauen sind kein dekoratives Beiwerk sondern Charaktere
Fernsehen und Kino reduzieren die Rolle von Frauen nach wie vor hauptsächlich auf ein hübsches Accessoire männlicher Macher-Typen. "Borgen" zeigt, dass es auch anders geht. Und dabei lässt sich das Verhältnis zwischen Männern und Frauen nicht auf einen "feministischen Magic-Life-Club" reduzieren, wie dies Angelika Hager in einem "Profil"-Artikel macht. Die Umwelt, in der "Borgen" seine Charaktere setzt, ist kein Kindergeburtstag. Die Handelnden, allen voran die Frauen, müssen sich im machtpolitischen Zirkus durchsetzen und gleichzeitig die Balance zu ihrem Privatleben wahren. Dass dies nicht ohne Reibungen geht, ist nachvollziehbar. Die Ehe von Birgitte Nyborg geht in die Brüche und die ambitionierte Journalistin Katrine Fønsmark wird zur alleinerziehenden Mutter, die den Spagat zwischen ihren beruflichen Zielen und dem Wunsch, eine gute Mutter zu sein, mit einer zunehmenden Burnout-Gefahr bezahlt. Insofern ist die wichtigste Tat, die die Serie hinsichtlich der Geschlechterrollen gesetzt hat, die Schaffung von weiblichen Hauptrollen, die weder Superheldinnen noch Lustspielzeug sind - sie sind vielmehr vollkommen normale Menschen, die versuchen, mit den Problemen, die ihnen das Leben stellt, fertig zu werden. Dass das im 21. Jahrhundert überhaupt noch erwähnenswert ist, ist einerseits eine Begründung für den Erfolg der Serie, andererseits bezeichnend für die Unterhaltungsbranche insgesamt.

5., Die Rolle der Medien im Machtspiel wird berücksichtigt
Eine wichtige und ambivalente Rolle in "Borgen" spielt das Verhältnis zwischen Medien und Politik. Die bereits angesprochene Katrine Fønsmark (gespielt von Birgitte Hjort Sørensen) ist eine Journalistin, die im Laufe der Serie in verschiedene Rollen der Medienwelt schlüpft. Sie beginnt als Fernsehjournalistin, wechselt zum Boulevard im Print-Bereich und wird schlussendlich Fernsehmoderatorin. Anhand ihrer Rolle werden die Mechanismen sichtbar, die zwischen Politik und Medien bestehen. Da gibt es die sauberen, ehrlichen Methoden des kritischen Journalismus ebenso wie den Versuch eines Chefredakteurs, einen Polit-Skandal zu inszenieren und damit selbst auf schädliche Art und Weise direkt in das politische Geschehen einzugreifen - was übrigens gelingt und zu einer Regierungskrise führt. Gleichzeitig blicken wir auch hinter die Kulissen der Medienwelt an sich: Zu sehen sind der Drahtseilakt zwischen Qualität und Quote, innere Hierarchien und Intrigen sowie der Druck auf die Verantwortlichen, bei möglichst guter Qualität und hoher Exklusivität unter einem enormen Zeitdruck zu publizieren. Katrine Fønsmark, die eben die diversen Facetten des Journalismus und seiner Qualität selbst kennengelernt hat, wechselst in der dritten Staffel die Seite und wird zur politischen Beraterin von Birgitte Nyborg. Der Reiz dieses Rollenwechsels liegt darin zu sehen, wie ein Charakter, der hohe moralische und ethische Ansprüche an sich selbst stellt, mit den jeweiligen Situationen zurechtkommt.

Einen Wechsel in die andere Richtung wagt Kasper Juul (gespielt von Pilou Asbaek). Der ehemalige Spin-Doctor Birgitte Nyborgs wird zum TV-Journalisten und scheint die notwendige politische Distanz zu seiner früheren Arbeitgeberin zu schaffen. Dennoch ist es erstaunlich, wie reibungsfrei dieser "Systemwechsel" vom engsten politischen Berater zum Top-Journalisten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk stattfindet. Die fehlende Auseinandersetzung mit diesem Wechsel ist wohl hauptsächlich der Absicht nach einer schnellen Entwicklung der Geschichte durch die Serienautoren geschuldet - schade.

Borgen ist realitätsnah
Der Erfolg der Serie hat insofern mehrere Seiten. Zwangsläufig drängt sich die Frage auf, wie realistisch die Darstellung von Politik in der Serie tatsächlich ist. Bis auf die notwendigen Verkürzungen im Rahmen einer Fernsehproduktion spricht nichts dagegen, "Borgen" als realitätsnah einzustufen. Gehen wir aber ins Detail, stellt sich bald die Frage, welchem politischen Umfeld eine Politikerin wie Birgitte Nyborg heute entstammen würde.

Es ist zweifelhaft, dass eine solche Person tatsächlich im bestehenden bürgerlich-liberalen Umfeld groß werden würde. Der bürgerliche Liberalismus steckt nicht erst seit dem parlamentarischen Zusammenbruch der FDP in Deutschland in der Krise - die FDP ist vielmehr einer der direktesten Ausdrücke dieser Krise, die nicht nur Deutschland betrifft. Nennenswerte liberale Parteien sind heute in den meisten Fällen vor allem rechts- und wirtschaftsliberal und stehen gesellschaftlichen und kulturellen Liberalisierungen negativ bis feindlich gegenüber. Eine Ausnahme dieser Regel im bürgerlichen Spektrum bilden dem Anspruch nach hierbei vielleicht die Grünen, die aber vor allem in Deutschland und Österreich mit ihrem schulmeisterlichen Charakter jegliche gesellschaftsliberale Agenden konterkarieren. Gleichzeitig käme für die dezidiert bürgerliche Birgitte Nyborg aber auch ein Engagement im Rahmen einer sozialdemokratischen oder sozialistischen Partei nicht in Frage.

Es ist daher realistisch, wenn Nyborg in der dritten Staffel damit beschäftigt ist, ihre eigene Partei zu gründen. Gleichzeitig zeigt dieser Schritt auch die Achillesferse eines solchen Schrittes ohne Verankerung in einer größeren Mitgliederbasis auf: Sofort stellt sich die Frage, wie ein solches Projekt finanziert werden soll. Eine Bank springt schnell mit einer Spende ein und erwartet postwendend Einfluss auf die Steuerpolitik der neuen Partei. Nyborg ist integer und zahlt das Geld zurück. Das eigentliche Problem ist damit aber natürlich nicht gelöst. Es bleibt insofern abzuwarten, wohin sich die Dritte Staffel entwickelt. Womit die Serie auch immer enden wird: Ihr Verdienst besteht darin, der zunehmend repressiven Politik in den Ländern Europas den Spiegel vorzuhalten und Alternativen aufzuzeigen. Und das ist für eine dänische Fernsehproduktion doch eine beachtliche Leistung.


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Arte überträgt bis 31. Oktober 2013 jeden Donnerstag eine Doppelfolge der dritten Staffel ab 21:00. Die jeweiligen Folgen sind auch innerhalb einer Woche nach Ausstrahlung in der +7 Mediathek von Arte nachzusehen.